
Ein Meisterwerk - Nach langer Zeit des Darbens endlich einmal wieder ein richtig guter, gar großer Roman. Das Thema ist nicht nur die Musik, nicht nur der verhinderte große Musikforscher und Gelegenheitsorganist Jakob Kemper, dem im Alltag und in seinen Beziehungen nichts so recht gelingen will. Nicht nur, dass dieser sich selber allzusehr bemitleidet und gar nicht sieht, was er alles falsch macht und womit er sich selbst im Weg steht, nein: Beinahe genüsslich wird ausgebreitet, wie Kemper immer verschrobener und eigentümlicher wird. Als Leser erwartet man durch das Auftauchen des verschollenen Bach-Manuskriptes nun einen Wandel in Jakobs Leben. Dieser tritt vor allem in der Beschreibung der zwar nicht hörbaren, aber durch Schneiders genaue sprachliche Beschreibung fast hörbar gemachten Offenbarungs-Musik zutage. Hier erkennt der Leser, welch Potential in dem Sonderling Kemper schlummert, wie verkannt er doch von seiner Mitwelt wird.- Eigentlich ist der Roman eine ausgedehnte Novelle, bei welcher das unerhörte Ereignis nicht der Fund des Manuskripts in der Orgel ist, sondern die Beschreibung der Auswirkungen einer solchen Musik, mehr noch: der zu-Tage-Legung aller menschlichen Tugenden und Schwächen und wie dies durch künstlerische Mittel möglich ist. Die Macht und die Grenzen der Musik werden beschrieben, Dinge wie der Sinn des Lebens und wofür es sich lohnt zu leben werden tangiert.Ein großes Thema, ein schönes Buch!
Ein wunderbarer Roman über Kirchenmusik mit perfekten Karikaturen amtskirchlich verwalteter Religion - Der neue Roman von Robert Schneider Die Offenbarung hat das Zeug dazu, an den großen Erfolg seines sensationellen und weltberühmt gewordenen Debüts Schlafes Bruder anzuknüpfen. Wieder geht es um Musik, wieder steht ein Mensch im Vordergrund der Handlung, dessen ganze Existenz aus nichts anderem als Musik besteht, wieder besticht die Erzählung durch den für Schneider typisch gewordenen, fast magischen Stil und Wortwahl und wieder ist es eine Romanvorlage, die geradezu nach einer entsprechenden Verfilmung ruft. Hauptperson der Handlung ist der Organist Jakob Kemper aus Naumburg. Jahrzehnte hat er an der dortigen protestantischen St. Wenzelskirche die Orgel gespielt, ein durch katastrophale Vernachlässigungen während der DDR-Zeit ziemlich heruntergekommenes Instrument, das Johann Sebastian Bach persönlich kurz vor seinem Tod eingerichtet hatte und auf das Jakob Kemper sehr stolz ist.Kemper lebt seit Jahrzehnten allein in einem baufälligen Haus, das vor dem Zweiten Weltkrieg einem Juden gehörte, und so befürchtet er auch nach 1989, dass er dieses Haus bald wird räumen müssen, wenn sich Nachkommen des früheren Besitzers melden.Sein ziemlich grobschlächtiger Vater, ehemaliger Bürstenmacher, steckt immer noch voller nationalsozialistischem Gedankengut und konnte dies als Mitglied der nationaldemokratischen Partei innerhalb der SED auch ganz gut über die DDR-Zeit konservieren. Er verachtet seinen musisch begabten Sohn und fügt diesem den größten Schmerz zu, als er dessen große Liebe Eva in zweiter Ehe heiratet. Aus dieser Ehe entsteht der Sohn Leo, ein Stiefbruder Jakobs, zu dem er eine gute Beziehung hat. Jakob unterrichtet ihn im Klavierspiel und in Musikkunde und empfindet für Leo wie ein Vater.Neben den privaten Unterrichtsstunden bestreitet Jakob seinen Lebensunterhalt mit einer halben Stelle an der örtlichen Musikschule. Am Heiligen Abend 1992, es ist Jakobs Geburtstag, findet Leo, als er mit Jakob auf der Orgelempore sich unterhält, im morschen Gehäuse der Orgel einen alten, staubigen Umschlag. Als Jakob Kemper diesen dicken Umschlag öffnet, trifft ihn fast der Schlag. Der Umschlag enthält, neben einigen persönlichen Utensilien von J.S.Bachs spätem Schwiegersohn Altnickol, ein Autograph mit einem bisher unbekannten Werk Bachs mit dem Titel Die Offenbarung.Jakob Kemper fiebert vor Aufregung, erst recht, als er das Autograph gelesen und mittels seiner hohen musikalischen Begabung auch gehört hat. Er sagt sofort alle Weihnachtsgottesdienste ab und meldet sich krank. Er hat ein Stück entdeckt, das in einer konzertanten Aufführung mindestens sieben Stunden dauern würde, ein Stück mit bislang auch für Bach unmöglich gehaltenen musikalischen Stilelementen. Eine Revolution für die Bachforschung, als deren Teil sich Jakob Kemper schon lange begreift, von ihr und ihren Hauptvertretern aber nicht ernst genommen wird.Jakob ist verliebt in Lucia, die aus dem Westen kam nach der Wende und in Naumburg ein kleines Reisebüro eröffnet hat, dessen Geschäfte aber mittlerweile 1992 nach der ersten Reiseeuphorie der Ostdeutschen eher schlecht gehen. Sie ist auch die einzige, der er neben Leo, der absolut still schweigt, von dem sensationellen Fund erzählt. Sie rät ihm, das Autograph entsprechenden Stellen zu übergeben, doch Kemper zögert. Zumal er bei seinem Studium des alten Musikstückes völlig unerklärliche Erfahrungen macht. Die Partitur dokumentiert nämlich nicht nur Musik, sondern sie vermag Erinnerungen an Vergangenes, Verdrängtes und Zukünftiges zu beschwören. Diese Entdeckung wirft Jakob Kemper völlig aus der Bahn. Johann Sebastian Bach, von dem man immer geglaubt hat, die eher zusammengestückelte h-moll-Messe sei sein letztes Werk gewesen, scheint am Ende seines Lebens eine Art kosmisches Gesetz gefunden und in Musik umgesetzt zu haben, das die Seele des Menschen gesunden lässt - oder sie in tiefste Verzweiflung stürzt.Kemper wechselt zwischen ausgelassener Euphorie - er wähnt sich schon als anerkanntes und mit Preisen ausgezeichnetes Mitglied der Bach-Gesellschaft - und heftigen Alpträumen. Noch während er das Manuskript studiert, treffen vier hochrangige Experten in Naumburg ein, um die Orgel zu begutachten, während sie ein Orgelbauer auseinander nimmt. Einer dieser hochrangigen Gelehrten hatte Kemper einige Zeit zuvor brüsk abblitzen lassen, als dieser ihm einen Aufsatz über die Beziehungen der Familie Bach zu Naumburg zusandte.Robert Schneider lässt uns Zeuge werden von köstlich zu lesenden Auseinandersetzungen dieser Experten über die allerletzte Schaffensphase J.S.Bachs. Jakob Kemper mischt sich ein und erläutert seine These von einem bislang unentdeckten Werk, dessen Erstellung Bach in seinen letzten Lebenswochen einfach die Zeit für eine eigenständige h-moll-Messe genommen habe. Einzig ein Japaner unter den Wissenschaftlern horcht auf und will auch bei einem späteren Treffen mit Kemper mehr von dessen Theorie wissen, die ja längst keine mehr ist. Durch ein Malheur gerät der Umschlag mit der Partitur in das Gepäck von Dr. Zinser aus Leipzig, einem der Exerten. Er und sein Chef lesen die Partitur, aber weil nicht sein kann, was nicht sein darf, halten sie das revolutionäre Werk für eine Fälschung Kempers, der sich damit wichtig machen wolle und senden es an diesen zurück. Jakob öffnet den Umschlag noch einmal in der Kirche, durchlebt zum wiederholten Mal die Erfahrung, dass diese Musik die Beziehung zu seinem unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommenen Bruder Karl wiederherstellt und versöhnt. Jakob Kemper sieht sich plötzlich in aller Härte mit dem eigenen Leben konfrontiert. Erstmals stellt er sich seiner Schuld, begreift all seine Verfehlungen und wird ein anderer Mensch, indem er sich mit dem eigenen Leben versöhnt und mit dem übermächtigen Vater Frieden schließt.Er versteckt die Mappe mit den Noten wieder dort, wo er sie gefunden hatte. Soll sie in späteren Jahren jemand finden, der sie finden muss. Am Ende des Romans erfährt der begeisterte Leser, wie es kam, dass der alte Bach die Noten seines Werkes in Naumburg vergaß.Robert Schneiders wunderbarer Roman ist ein Hohelied auf die Kraft der Musik und ein engagiertes Plädoyer für die konsequente Suche nach den eigenen Werten im Leben. Dass er der amtskirchlichen Arbeit nicht viel zutraut, die Menschen dabei zu unterstützen, unterstreicht er eindrucksvoll in der fast komischen Darstellung und Schilderung des Naumburger Pfarrers, dessen theologische Auslassungen mich manches Mal zum Lachen brachten. In ihm ist Schneider eine perfekte Karikatur gegenwärtiger verwalteter Religion gelungen, die die Menschen nicht zu sich selbst befreien kann und die das letzten Endes auch weiß und deshalb so viel von der Kirchenmusik hält, die das offenbar kann und als einzige noch die Menschen in die ansonsten ziemlich leeren Kirchen bringt.
Der Anspruch des Zweiten Erster zu sein - Jakob Kemper ist ein zweiter Sohn, der im Schatten des begabten ersten steht, der als Kind ums Leben kam. Der Vater hält nicht viel von ihm, der oder die Lehrer ebensowenig. Jakob der Stümper. So geht es ihm auch mit den Frauen und der Liebe. Komponist will er werden, dann gefeierter Dirigent und schließlich international anerkannter Organist. Tatsächlich ist er schlecht bezahlter Klavierlehrer und unbezahlter Organist zu St. Wenzel in Schaumburg. Kurz nach der Wende findet er im Orgelgehäuse das Manuskript von Bachs Oratorium über die Apokalypse des Johannes, das Spät- und Hauptwerk des Leipziger Thomaskantors. Der Fund der unbekannten Originalpartitur beginnt Jakobs Leben zu verändern.Ein wunderbarer und einfühlsamer Roman über Beziehungen und das Ringen um Anerkennung. Ein Meisterstück die Szenen mit den angereisten Herrn der Bachgesellschaft. Und meisterlich auch die Sprache dieser Tragikomödie über einen Zweiten, der begreift, seine Rolle mit Authentizität zu erfüllen. Ein Lesegnuss nicht nur für Freunde des großen Johann Sebastian.
Ein wunderbarer neuer Robert-Schneider-Roman über Bach und die mitteldeutschen Lande - Nach seinem gewaltigen Wiedertäuferepos Kristus hat sich der österreichische Schönschreiber Robert Schneider in seinem formidablen neuen Roman Die Offenbarung (Aufbau Verlag) für ein Thema zwischen den Zeiten entschieden. Dereinst ging dem großen Musicus Bach bei einem Orgeltest in der Naumburger Wenzelskirche ein Oratorium verloren. Als die Brüder Leo und Jakob Kemper die alte Schrift zu Weihnachten 1992 unter der nun alten Orgel finden, beginnt für sie eine aufregende Zeit und Jakob Kemper, Organist der Wenzelskirche und Hobby-Bach-Forscher, gerät in die Mühlen des Wissenschaftsbetriebes sowie der Leipziger Bachgesellschaft, die ein aalglatter Professorenwestimport leitet. Geschickt weiß Robert Schneider die vielen Fäden zu knüpfen und fest hält er dabei die Handlungsstränge in seinen fabelhaften Schriftstellerhänden, wenn er den Eigenbrödler Jakob begleitet, der in die Reisekauffrau Lucia verknallt ist und einen Bruder hat, der (nicht nur vom Alter her) gut und gern auch sein Sohn sein könnte. Und dann ist da auch noch das ungeklärte Verhältnis zum Vater, der den ungeliebten Sohn nie respektiert und ihm seine erste große Liebe ausgespannt hat. Robert Schneider ist mit seinem neuen Roman viel gelungen, er hat eine deutsche Nachwendegeschichte geschrieben, die Seelen seiner Figuren tief ausgeleuchtet und eine Zustandsbeschreibung des Wissenschaftsbetriebes um die klassische Musik, ja gar unserer ganzen Gesellschaft im Kontext zur Vergangenheit und der Einbindung in die grenzüberschreitende Welt zu Papier gebracht. Herausgekommen ist dabei eine Geschichte, die in ihrer Gesamtheit ein kleines literarisches Meisterwerk ist.
Am Ende bleiben doch viele Fragen - Ein wirklich tolles Buch mit viel Humor. Was habe ich gelacht über Bachforschung und deren Vertreter, über Pfarrer, Orgelbauer, irrwitzige Familienbande, kauzige Typen. Manchmal ist das Buch slapstickartig komisch. Und viele historischen Aspekte sind vom Autor erstaunlich detailliert und hervorragend recheriert. Es ist sprachlich brillant und tiefsinnig.Schneider lässt die vielen Personen viele Fäden in diesem Buch spinnen. Fast keiner wird jedoch zu Ende gedacht und es bleiben am Ende viele Fragen:Was passiert den nun mit Kämper? Bekommt er seine große Liebe? Stirbt der Vater? Was geschieht denn mit Bachs Oratorium? Was hat es mit den mystischen Erscheinungen Kämpers auf sich? Wie ist sein Bruder ums Leben gekommen? Bach soll ein Musikgenie gewesen sein, der aus Langeweile nichts besseres zu tun hatte?!Das Buch wirft viele Fragen beim Leser auf, die gar nicht beantwortet werden. Schade, ansonsten wäre es das perfekte Buch! Deshalb nur 4 Sterne.