Barock : Traum aus Stein und Federn

Traum aus Stein und Federn

EUR 9,95


Die Menschen in der versunkenen Stadt im Südwesten Anatoliens haben sich oft gefragt, warum Ibrahim den Verstand verlor. Dabei ist die Lösung für Iskander ganz einfach. Für ihn steht fest, dass Ibrahim aus Liebe den Verstand verlor, aus nichts als Liebe. Die anderen wurden irr vor Hass, damals, im Krieg gegen die Griechen etwa. Oder bei anderen Kriegen, in denen plötzlich so merkwürdige Völker wie „die Deutschen“ oder „die Franzosen“ erschienen und von merkwürdigen Ländern wie „England“ die Rede war, „das ohne unser Wissen die halbe Welt beherrscht“. Aber Ibrahim, soviel steht fest, verlor den Verstand aus lauter Liebe. Iskander ist der Töpfer im Roman von Louis de Bernières (Corellis Mandoline), eine seiner vielen Stimmen. In Großbritannien stand er lange auf Platz 1 der Bestsellerlisten, und das ganz zu recht. Denn Bernières entwirft darin einen ebenso bunten wie bezaubernden Mikrokosmos, in dem Menschen aller Nationalitäten und Religionen im 19. Jahrhundert friedlich zusammen leben konnten, bis die Idylle im Wahnsinn der Geschichte allmählich zerbrach. Da gibt es Liebe, Hass und Freundschaft, Leben und Sterben, Freude und Verzweiflung, und das in einer Intensität und sprachlichen Meisterschaft, die den -- im Übrigen blendend übersetzten -- Traum aus Stein und Federn zu einem der großen Highlights des Jahres 2005 machen. „Selbst wenn die Schuld ein Pelzmantel wäre und die Erde läge unter dickem Schnee“, heißt es in Bernières großartigem Roman, „ich würde lieber erfrieren, als diesen Mantel anzuziehen“. Wer denkt, schon dieser Satz sei an Poesie nicht mehr zu überbieten, der lese sich durch das ganze, fast 700 Seiten starke Buch. Da wird er dann auf jeder Seite gleich tausendfach überrascht. -- Isa Gerck

ein interessantes Buch - dessen Handlung wiederzugeben, die Seiten der Rezension sprengen würde.Alles spielt im Osmanischen Reich, es gibt 2 Handlungsstränge, die parallel erzählt werden.Zum einen das Zusammenleben der Griechen und Türken und die Entwicklung des Atatürks, vom Soldaten zum türkischen Staatsgründer.Was mich gestört hat, ist die einseitige Beschreibung des Genoszids der Griechen, Aramäer an den Türken und die Verharmlosung des Genozids der Türken an den Griechen und Aramäern, die nur aus Anatolien vertrieben wurden.Der Autor beschreibt anhand einer Liebesgeschichte das friedliche Zusammenleben des Vielvölkerstaats im Osmanischen Reichs, bis zu dessen Zusammenbruch. Aber das Buch ist voller Parteinahme für die Türkei als eigenständiges Land und auch die historische Gestalt des Atatürks wird gänzlich verherrlicht. Auch wenn das Buch sehr interessant geschieben ist, durch die Einseitigkeit nur 3 Sterne.

Ein gefährliches Buch - Das Buch ohne Bezug auf die geschichtlichen Ereignisse mit dem militaristen Kemal Atatourk und den Genozid an den Armeniern und den Griechen wäre ein gelungenes, interessantes Buch, wenn man von den nervtötenden Details und blutigen Schlachten absieht. Leider ist aber dieses Buch, was die Geschichte anbetrifft, einseitig und tendenziös. Angeblich propagiert es das friedliche Zusammenleben der Völker aber in zahlreichen Passagen werden die Armenier und Griechen als die Hauptschuldigen dargestellt, die das friedliche Zusammenleben gestört haben. Jede Erwähnung der Armenier und Griechen ist unterschwellig feindlich und beleidigend. Oft grenzt es an Bösartigkeit! Gut, dass es zahlreiche gute Geschichtsbücher gibt, die auf Fakten beruhen und jeder kann sich erkundigen, was sich tatsächlich in der Region abgespielt hat. Das Buch wurde mir von einer türkischen Freundin wärmstens empfohlen, jetzt weiss ich warum.

Vögel ohne Flügel... - ...lautet der (wörtlich übersetzte) Orignaltitel dieses meisterhaften Schmökers des Briten Louis de Bernières. Es hätte wahrlich treffendere Titel für die deutsche Ausgabe gegeben, denn ein Traum ist das in diesem Roman Dargestellte ganz und gar nicht: Nein, es ist die erst romantische, dann harte Realität einer anatolischen Kleinstadt und die grausame Historie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts, die uns der Autor in einem breit gefächerten Kaleidoskop aus Einzelschicksalen, Zeitgeschichte und Anekdoten präsentiert. Er tritt dabei auf als Geschichtenerzähler, Geschichtsschreiber und Kommentator, dort, wo nicht seine Figuren sprechen, spricht der allwissende Erzähler so allwissend, dass er beinahe die Rahmenhandlung zu sprengen droht.Doch de Bernières überfordert uns, seine Leser, nicht. Stattdessen führt er uns in einer vielstimmigen Exposition an Figuren, Schauplatz und Handlung heran. Diese Vielstimmigkeit, die vielen (gut zu unterscheidenden) Perspektiven tragen zu einer zunächst ungewohnten Leseerfahrung bei. Der Autor verzichtet im Grunde auf eine explizite Hauptfigur zu Gunsten eines Nebeneinanders erzählender Charaktere. Zum Einen wird es so der Breite der Leserschaft besser möglich auch emotionalen Zugang zum Geschehen zu finden, nämlich über Identifikation mit denjenigen Figuren, die wir als am meisten ansprechend empfinden. Andererseits mag so mancher sich wünschen, den einen oder anderen Charakter doch lieber noch genauer kennenlernen zu können. Aber dies dient einer höheren Sache, denn de Bernières ist offenkundig Realist mit einem Ideal, einer zu vermittelnden Idee, die in der Sinnlosigkeit des Teufelskreises von Gewalt und Gegengewalt, speziell in religiösen Auseinandersetzungen gründet.Dass trotz dieser Ambition und der ideoligischen Erkenntnis, die dem Original den Titel gab, die erzählerische Eindringlichkeit nicht zu kurz kommt, ist de Bernières enormem Sprachreichtum und einer offenbar sehr umfassenden Recherche zu verdanken. Es ist keine leichte Lektüre, die hier geboten wird, aber auch keine schwer verdauliche. Sie erschlägt oder langweilt uns nicht. Selbst wenn die geschichtlichen Hintergründe, die Ereignisse dreier zusammenhängender Kriege, uns wenig interessieren sollten, werden wir trotzdem geneigt sein, uns in sie zu vertiefen. Dieses Buch lädt dazu ungemein ein, denn es ist brilliant und feinfühlig erzählt.Die Souveränität, mit der er aus subjektiven Perspektiven Erzähltes und (scheinbar!) Objektives (etwa die Passagen über Mustafa Kemal) nebeneinander setzt, gegeneinander stellt und wieder zusammenführt, ist nicht nur mutig, sondern geradezu bestechend. Die z.T. etwas lang anmutenden, doch dabei stets eingängigen Erzählfäden laufen zum Ende hin geradlinig auf die (schon im ersten Kapitel vorausgedeutete) Katastrophe zu, die ohne diese Schilderungen wohl nur halb so mitreißend, erschütternd und erkenntnisreich sein könnte.Mich hat vor allem das Schicksal der lieblichen Philothei berührt, deren Tod sinnbildlich für die Nachwirkungen der schrecklichen Kriegserlebnisse steht, die ich im Übrigen nie so eindringlich und zugleich so makaber-amüsant erfahren habe.All der Schmerz der Trauer und des Verlusts, all die Falschheit des fanatischen Glaubens, der die Unwissenden ausnutzt, all die Sinnlosigkeit des Blutvergießens, der menschlichen Pein und der Verfehlungen, all das steckt in diesem großartigen Roman über ein dunkles Kapitel griechisch-türkisch-christlich-muslimischer Geschichte.Damit gelingt de Bernières Vorhaben insgesamt, auch wenn ihm (siehe unten) ein paar Fehler in der Recherche der historischen Fakten unterlaufen sein sollten.Fazit: Sehr gut und sehr lohnend zu lesen.

Osmanische Lektüre - Alles beginnt wie in einem orientalischen Märchen. So ist der Ton dieses Buches, so sind seine Geschichten. Die Geschichten aus einem kleinen anatolischen Dorf in dem Muslime und orthodoxe Christen Tür an Tür wohnen. Wo die Muslims sicherheitshalber die Christen bitten, eine Kerze zu entzünden oder die Christen ihre islamischen Nachbarn bitten, an einem Baum auch noch ein kleines Zettelchen mit ihren Wünschen anzubringen.Viele Dorfbewohner werden uns näher gebracht. Ihr Leben entwickelt sich vor unseren Augen und sie werden ein Teil unseres Lebens. Und dann passiert plötzlich das Unfaßbare, die Katastrophe bricht über diese Menschen hinein. Der Krieg bricht aus, es kommt zu unvorstellbaren Grausamkeiten, es kommt zu Trennungen. Die Armenier und später die Griechen, die sich alle als Osmanen fühlten, müssen das Land zwangsweise verlassen. Es wird traurig und viele unserer liebgewonnenen Helden sterben, werden verrückt und zerbrechen.Am Ende legt man fassungslos diesen Roman aus den Händen. Versteht mehr von den ungeheuerlichen Ereignissen, die sich im ersten Weltkrieg und den folgenden Jahren in der heutigen Türkei ereignet haben und kann nicht glauben, daß das Buch vorbei sein soll.Der Roman, den ich wärmstens empfehlen kann, obwohl er im letzten Teil einige kleine Schwächen hat, heißt Traum aus Stein und Federn, wobei mir die wörtliche Übersetzung aus dem Englischen besser gefallen hätte: Vögel ohne Flügel. Denn damit umschreibt der Autor den Menschen, dem es nicht gegeben ist über alles hinwegzufliegen, sondern der seine Lage im hier und jetzt zu verantworten hat. Der Autor ist Louis de Bernières und ich bekenne, diesen Roman gern gelesen zu haben und ihm viele Leserinnen und Leser zu wünschen!

Eine poetisch interessante, aber eine völlig zerklüftete und einseitig klischeehafte Geschichte - Hätte der Autor es bei der gefühlvollen Beschreibung der tragischen Liebesgeschichten zwischen dem Hirten Ibrahim und der schönen Philothei, die des Großgrundbesitzers Rustem Bey und der untreuen Tamara und die des Jungen Karatavuk und seiner Eltern sowie seines griechisch-christlichen Freundes belassen, wäre es vielleicht ein epochales, gutes Buch geworden. Statt dessen widmet sich das Buch zu einem großen Teil der beschönigenden Huldigung der Lebensgeschichte des Militaristen, Diktators und Politikers Mustafa Kemal Atatürk. Das schlimme, ja fast unerträgliche aber ist die allzu durchsichtig-einseitige und klischeehafte Geschichtsdeutung und Zuschreibung ethnischer Eigenschaften der in den Handlungen beschriebenen geschichtlichen Periode um und nach dem ersten Weltkrieg bzw. der Charakteren: Zu ausführlich, grausam und detailliert werden die angeblich von Russen, Armeniern und vor allem von Griechen begangenen Massaker an der osmanischen bzw. muslimischen Zivilbevölkerung beschrieben, wo hingegen eher beschwichtigend, verharmlosend und sogar rechtfertigend über die Völkermorde, die in dieser und vor dieser Zeit von den türkischen Osmanen und den Jungtürken an Millionen von Armeniern, Griechen, Aramäern und sonstigen Christen systematisch begangen wurden, kurzum hinweggegangen wird. Der Roman ist nicht dazu geeignet, alte Vorurteile zu beseitigen und für die Verständigung der Betroffenen Volksgruppen zu sorgen. Schade




Traum aus Stein und Federn